Ästhetisches Lernen von der Straße

/Kunstforum International /

Einleitung:

Mit dem Ausspruch „Learning from the Streets“1 lassen sich die Ästhetik und der Ansatz von postvandalischer Kunst am schnellsten skizzieren. Zunächst geht dieser Satz auf den Philosophen Robin Celikates zurück, der in theoretischer Reflexion den zivilen Ungehorsam in seiner zeitlichen Kontextualität beleuchtete.2

Der zivile Ungehorsam ist in seiner Praxis so vielfältig wie die Zeit und der Gegenstand, denen der Ungehorsame sich widersetzt. Bei Henry David Thoreau war es die Weigerung, Steuern zu zahlen als Protest gegen die Sklaverei, bei Hannah Arendt das Beispiel der Weigerung, in den Vietnamkrieg zu ziehen oder bei Martin Luther King die Sitzstreiks und die Aufmärsche gegen die Unterdrückung von Schwarzen. Andere führen auch die Sachbeschädigung als zivilen Ungehorsam an. Der Vandalismus gegen Objekte ist zugleich die stärkste Referenz der postvandalischen Kunst. Gesichert ist hier die Inspiration, besonders die ästhetische Inspiration der Straße: Graffiti, Eddingmarkierungen, Unfälle mit Sachschaden, Protestzubehör, Straßensperren, zerstörte Oberflächen und Wut.

So übersetzte auch Kader Attia die Aufstände des arabischen Frühlings in eine raumgreifende Installation. [01] Anfang 2011 begannen im Nahen Osten die Menschen gegen arabische Diktaturen auf die Straße zu gehen. Im ägyptischen Museum in Kairo plünderten einige den Ticketschalter und ein Schmuckgeschäft. Die zerschlagenen Vitrinen stellte das Museum später selbst wieder aus, um an die Hoffnung der Aufstände zu gedenken. Attia verwendet ähnliche Vitrinen und zerschlägt sie bei jedem Ausstellungsaufbau von Neuem. Seine Arbeit Arab Spring (2014) ist eng an das Geschehen in Kairo angelehnt und fragt nach der Verletzlichkeit von Aufständen, Hoffnungen und Träumen.

Ein anderer, nicht-politischer Inspirationsmoment von postvandalischer Kunst ist aber auch der Spaß an einer zerstörerischen Partizipationspraxis. Diese Motivation findet sich häufig, wenn keine politischen oder ungehorsamen Botschaften mehr im White Cube vertreten werden. Von der Straße in die Theorie, wie es beim Beispiel des zivilen Ungehorsams in der Rechtsphilosophie der Fall war, heißt es in der Kunst: Vom rauen Straßenflair in die Ästhetik.

Dabei müssen zwei Entwicklungsstränge bedacht werden. Einmal das Vandalische in der Kunst, besonders in seinem vermehrten Auftauchen im 20. Jahrhundert und oft als Dekonstruktion betitelt. Und zweitens die vandalische Straßengeschichte außerhalb der Kunstwelt, die verstärkt seit der Nachkriegszeit, mit einem europäischen Höhepunkt im Mai 1968, untersucht wurde. Diese beiden Stränge zu schnell zusammen zu bringen und sie in Symbiose zu stellen, wäre jedoch naiv bis schlichtweg falsch. Es ist wichtig, beide Bereiche zu trennen, denn die Protagonist*innen des Straßenvandalismus scherten sich meistens nicht um die Kunst, sie hatten ihre eigenen Themen, Probleme und Motivationen, die nichts mit der Kunst zu tun hatten. Natürlich gab es Kunsttheoretiker*innen und Künstler*innen, die darin schon früh Happenings und Kunstformen sahen. Doch dies ist eine Einverleibung von Außen, die stets als solche gelesen werden sollt

Im Folgenden werden die zwei Entwicklungsstränge kurz, in einigen wichtigen Etappen, nacherzählt. Am Ende finden sie nicht wirklich zusammen. Meistens bleibt es bei kleineren, punktuellen Überschneidungen. Deutlich soll aber gemacht werden, wie entsprechende Künstler*innen sich auf Vandalismus und ihre ästhetische Schöpfungskraft beziehen, auch wenn sie selbst nie auf der Straße mitgemischt haben.

Zum Begriff

Der Begriff Postvandalismus, der dem gleichnamigen Instagram Account von Stephen Burke entlehnt wurde, behauptet einen weiteren Ismus. Eigentlich ist die Zeit dieser Namensbewegungen vorbei, erlebte sie doch ihre Hochphase in der Moderne des 20. Jahrhunderts. Ich erkläre mir das Wiederauftauchen eines Ismus in diesem Zusammenhang durch zwei Gründe: Einmal als Augenzwinkern. Einen neuen Ismus zu erfinden ist höchst gewagt, man steht mitten auf dem Glatteis, wie sollte sich dieser überhaupt noch durchsetzen im kunsthybriden 21. Jahrhundert? Es ist eine Provokation und ein Spaß, an die Kunstgeschichtsschreibung adressiert. Andererseits wird hier die Straße aufgewertet, der vandalische, auch oft von Jugendlichen ausgeübte Akt wird in den Mittelpunkt gestellt und erhöht. Nämlich mit dem Hintergrundwissen, dass sich viele Künstler*innen seit Jahrzehnten von Graffiti, der Protestkultur und der Street-Aura inspirieren lassen. Manche benennen diese Bezüge nur am Rande oder gar nicht, und viele stufen sie nicht so hoch ein, wie Referenzen aus der Hochkultur. Einigen Künstler*innen ist dieser Einfluss peinlich, manche halten ihn für zu trivial. Mit Postvandalismus steht diese Referenz aber nun im Titel und kann nicht mehr unter den Tisch fallengelassen werden.

Und wiederum für andere, die zwar die Herkunft ihrer künstlerischen Praxis auf der Straße offensichtlich machen, ist der Begriff in anderer Hinsicht eine gute Lösung. Und zwar, weil es ihnen schwerfällt, sich in gängigen Genres wie Graffiti, Street Art oder Urban Art wiederzufinden. Diese haben sich mit der Zeit stark aufgeladen, meist durch Klischees und Ästhetiken, die vor allem der Kommerz und die Popkultur propagiert hat. Außerdem sind sie sich des Problems bewusst, dass ihre Arbeiten außerhalb des Straßenkontextes, wie in einer Galerie, ja eben kein Graffiti mehr sind. Mit dem Begriff ‚Postvandalismus‘ lässt es sich also besser arrangieren, vielleicht auch gerade, weil er komplexere Felder und Historien in sich aufnimmt. Dies wird im Weiteren gezeigt.

Zum ganzen Essay: https://www.kunstforum.de/artikel/aesthetisches-lernen-von-der-strasse/