Kunstforum International /
Aus der Subkultur die Zukunft formen
Über Energie und Quellen für Kreativität und Kunst
Auszug:
Larissa Kikol: Ich möchte gerne vorne anfangen, jedoch gibt es hier zwei Erzählstränge in deinem Leben. Einmal Graffiti und einmal die Galerie. Beginnen wir mit letzterem. Wie bist du Galerist geworden?
Nils Müller: Es fing 2010 an. Das ist das Todesjahr von Sven Ruttkowski. Vorher bin ich von Heidelberg nach Köln gezogen und habe mich als Fotograf selbständig gemacht. Während der Wohnungssuche lernte ich Sven kennen, ein Kumpel aus Bochum stellte ihn mir vor. Sven hat mich direkt mit offenen Armen aufgenommen. Andere haben ihn geliebt oder gehasst, er war polarisierend, er stand für etwas, Sven war DJ und halt ein Typ aus dem Nachtleben. Ich war damals schon sehr gegen Drogen, das war alles nicht meine Welt, Sven und ich haben stattdessen gekocht und sind viel spazieren gegangen. Er ließ mich in seinem Keller wohnen, das war eine kurze, aber intensive Zeit. Ganz überraschend ist Sven dann verstorben, beim Auflegen in Braunschweig. Das war natürlich dramatisch, aber gleichzeitig auch irgendwie ein Traumtod für einen DJ, also beim Auflegen umfallen und zu sterben. Und dann ging alles auch ganz schnell. Seine Wohnung war auch eine Art Ladenlokal, die Räume waren spannend und total aufgeladen mit Sven.
Der Vermieter Peter Pfoch aus meiner Heimat dem Ruhrpott, der war dann verzweifelt, weil er ja keinen Mieter mehr hatte. Als ich ihn dann auf der Straße traf und er mich fragte, was wir jetzt machen sollen und dass noch so viel zu erledigen sei, sagte ich ihm spontan, dass ich mich darum kümmere und die Miete übernehme. Zu dem Zeitpunkt hatte ich maximal 400 Euro im Monat und die Miete allein betrug schon 2000 Euro. Das war eigentlich völlig utopisch. Aber ich habe das trotzdem gemacht und bin auch durch den Druck über mich hinausgewachsen. Ich habe dann die Bude Ruttkowski genannt. Sven ist 1968 geboren und die Hausnummer war tatsächlich auch 68. Den Namen beizubehalten, fand ich ehrlich. Das hatte so Gastarbeiterstyle und war aufrichtig. Irgendwie auch ein Link zu meiner Heimat dem Ruhrpott. Ein guter Freund, Jan Arend, und ich hatten beschlossen Sven diesen Laden zu widmen. Zuerst waren wir ohne Konzept, wussten überhaupt nicht, was das für ein Laden werden sollte. Aber so ging es los, ich habe da gewohnt und den Laden übernommen. Und der einzige Grund, warum das eine Galerie geworden ist, ist der, dass da alte Spots an der Decke hingen.
Nur wegen der Spots! Dann waren die ja ein Zeichen des Universums.
Ich habe seiner Zeit recherchiert was hier früher war, also vor Sven, nämlich eine städtische Galerie. Die hieß 68elf, und das inspirierte mich noch mehr Ausstellungen zu machen und meine Freunde zu fragen, ob sie ihre Arbeiten zeigen wollen. Also einmal komplett ins kalte Wasser gesprungen.Die ersten Ausstellungen kamen alle aus der Subkultur, ich kannte ja nichts anderes. Moses und Taps waren dabei, oder Honet aus Paris, auch Hendrik Beikirch, mittlerweile ein sehr guter Freund. Da komme ich her, das war mein Zugang zur Kunst und dann hat sich das organisch immer weiterentwickelt.
Graffiti hat alles in meinem Leben möglich gemacht und beeinflusst, eigentlich bis jetzt.
Subkultur und Graffiti war für dich ein guter Einstieg, besonders ja auf der persönlichen Ebene. Aber als Galerist ist das besonders schwer auf den Markt zu bringen. Hast du die Kunst damals verkaufen können?
Nein. Ich wusste ja auch gar nicht wie das geht: Verkaufen. Am Ende des Tages war das ja ein total unkommerzielles Projekt, authentisch schon, aber nicht zum Verkaufen. Das hätte ich auch fast schnell wieder aufgegeben, weil mir dann die Luft ausgegangen ist. Es gab eine Ausstellung, da kam ich an den entscheidenden Punkt – entweder höre ich auf oder nicht. Das war die Ausstellung mit Zedz aus Amsterdam. Da haben wir wirklich viel Aufwand betrieben, um diese Ausstellung zu realisieren und es kam einiges an Produktionskosten dazu. Robert Kaltenhäuser hat sie kuratiert. Für mich war das damals eine extrem gute Ausstellung, aber dann wurde wieder nichts verkauft, dafür aber eine Skizze geklaut.
Ganzes Gespräch: https://www.kunstforum.de/artikel/aus-der-subkultur-die-zukunft-formen/