Gespräch mit Stephen Burke (@post_vandalism)

/Kunstforum International/ Post_Vandalism ein Begriff, der längst überfällig war. /

Der Ire Stephen Burke ist der Mann hinter dem bekannten Instagram Account ‚post_vandalism‘. Bis dato hat er über 54,9 Tausend Follower. Das Konzept: Er kuratiert Kunst, von bekannten Weltstars der etablierten Kunstszene, bis hin zu Sprayern und unbekannteren Nachwuchskünstler*innen. Gemeinsam haben sie die postvandalische Ästhetik. Damit gehört post_vandalism nicht zu einem Social Media Trend, und auch nicht zu einem virtuellen Phänomen. Die Kunst, die sich hier einreiht, gab es schon lange vorher und entsteht unabhängig von digitalen Einflüssen, dafür meisten aus direkten Eindrücken des urbanen Umfelds.

Beachtenswert ist die Mischung aus Hoch- und Subkultur, die in dieser Dichte kaum in Institutionen oder Publikationen vorkommt. Es zeigt aber vor allem wie sich die postvandalische Ästhetik durch die verschiedensten Milieus zieht. Man begegnet ihr in Off-Spaces und Projekträumen, aber auch in Mega-Galerien und internationalen Museen. Bei Burke stehen Sprayarbeiten von Katharina Grosse oder Linien von Renée Levi direkt neben Spuren von Tags und Sprühdosen an Stromkästen von Klara Lidén oder neben Arbeiten von dem Sprayerduo Moses und Taps. Ein Kriterium aber ist: Es geht nicht direkt um das, was auf der Straße stattfindet, sondern um Werke in Ausstellungsräumen, hauptsächlich im White-Cube.

Am 22. Januar 2019 postete Burke das erste Bild, es war eine Arbeit von Liden. Zwei Mülleimer, der eine mit Marker beschrieben, der andere in dem typisch unansehnlichen Orange. Readymades, die jetzt an einer weißen Wand hingen. „Her work places emphasis on the overlooked architectural traits of our urban environment“, schrieb Burke damals hinzu. Was ihn besonders an dieser Ästhetik reizte, wie er zu post_vandalism kam, wie seine eigene künstlerische Arbeit aussieht und über seine Arbeit als Kurator, sprechen wir in diesem Interview.

Screenshot, Instagram: post_vandalism, 2022

Du hast auch einiges selbst ausprobiert, gerade das Übermalen war und ist für dich ein inspirierendes Phänomen.

Ja, zu dieser Zeit wurde ich von der Graffitientfernung geradezu besessen und trug selbst zur Theoriebildung bei, indem ich ein Buch und einen Film zu diesem Thema produzierte. Ich begann, den Begriff Postvandalismus auf die Graffitientfernung zu beziehen. Er beschreibt perfekt die Farbreste, die zurückbleiben, nachdem ein Stück Vandalismus von Mitarbeitern der Stadtverwaltung entfernt worden ist. Bald darauf begann ich, den Begriff mit verschiedenen Objekten in Verbindung zu bringen, die ich im öffentlichen Raum dokumentierte, wie z. B. verbogene Kletterschutzvorrichtungen. Diese Vorrichtungen sind Strukturen, die dazu dienen, das Eigentum zu schützen. Die verbogenen und zertrümmerten Schutzvorrichtungen, die ich dokumentierte, waren die Überbleibsel des Versuchs, ein Grundstück illegal zu betreten. Die Aneignung dieser nun nicht mehr existierenden architektonischen Schutzvorrichtungen als Kunstobjekte fand bei mir großen Anklang, da sie das Aufbrechen von Systemen symbolisierten. Ich habe diese Materialität auch mit Graffiti in Verbindung gebracht, denn die Writer eignen sich die Architektur auf ähnliche Weise für ihre eigenen künstlerischen Ziele an.

Etwa zur gleichen Zeit besuchte ich einige beeindruckende Ausstellungen von Bettina Pousttchi und Monika Sosnowska. Ihr Experimentieren mit den Strukturen im öffentlichen Raum spiegelte das wider, was ich dokumentierte, und inspirierte mich, weiterzumachen. Etwas früher besuchte ich das Somerset House in London, um eine von Rafael Schacter kuratierte Gruppenausstellung zu sehen. Bei dieser Ausstellung sah ich zum ersten Mal die Werke vieler Künstler*innen, die ich in der Graffiti-Welt sehr bewunderte und die nun erfolgreich in ihren Ateliers arbeiteten. Antwan Horfee, Brad Downey, Saeio und Jason Revok zum Beispiel. Diese Ausstellungen haben mich enorm beeinflusst und meine Neugier auf Kunst, die sich mit dem öffentlichen Raum auseinandersetzt, geweckt. Erst kürzlich habe ich festgestellt, dass der Begriff Postvandalismus in polnischen Kunstkreisen bereits vor Beginn meines Projekts aufgetaucht ist. Schon 2010, aber er unterschied sich leicht von meiner eigenen Definition und wurde nie bekannt. Ich war froh, den Begriff neu zu definieren und ihn auf die Landkarte zu setzen.

Zum ganzen Gespräch: https://www.kunstforum.de/artikel/stephen-burke/