Postvandalische Geister und Musen

/ Kunstforum International /

Einleitung:

Schmierereien, Gewalt gegen Sachen, Unfälle mit Sachschaden, Brüche, Aufstände, Proteste – hier entsteht überall Reibung durch Aktion. Reibung verursacht Wandlung. Neues springt hervor. Die Spuren der Reibung bleiben sichtbar und werden künstlerisch transformiert. Mal eng am Ursprung als Readymade, mal erhöht als spektakuläre Rauminstallation. Die Spuren, die auf einen Ursprungsmoment deuten, kommen meistens von der Straße oder von imaginierten Wutausbrüchen. Jugendliche, aber auch Demonstrant*innen, Sprayer*innen oder Vandal*innen sind die Protagonist*innen, die mal auftauchen, wie bei Julian Röder und Mark Jenkins, und die mal im Verborgenen oder in der Vergangenheit bleiben. Dann scheinen sie Musen gewesen zu sein, die den Künstler*innen über die Schulter schauten, die ihnen somit erlaubten, nicht selbst zum Vandalen werden zu müssen. Einer, der das Zerbrechen und die Zerstörung in ein erhabenes, fast kirchliches Raumerlebnis übersetzt, ist der Franzose Baptiste Debombourg. Seine zerbrochenen Glasinstallationen sind haptische All-Over-Gemälde, zwischen Romantik, Drama und Erhabenheit. Sein Künstlerstatement lässt sich aber auch auf viele andere Positionen in dieser Ästhetikkategorie übertragen und soll hier als Einführung vorangestellt werden.

Berlin, Alexanderplatz, 2020 © Foto: Larissa Kikol

„Die meisten meiner Arbeiten beschäftigen sich mit Gewalt und Unfällen, genauer gesagt mit der Reaktion auf Unfälle, was sich auf den Begriff des Zwischenfalls, aber auch auf unvorhersehbare kleine Ereignisse bezieht. Ich interessiere mich dafür, warum und wie ein Unfall entsteht. Der Ausgangspunkt meiner Forschung basiert auf öffentlichem Vandalismus im städtischen Raum und auch darauf, wie Marcel Duchamp den Begriff des Gemäldes mit dem großen Glas in Frage stellt [Le Grand Verre, 1915 – 1923], welches meiner Meinung nach den Kern des Ready-Made darstellt und auch ein Symbol für ein Testgelände ist. Aber das Material bleibt als Zeuge eines menschlichen oder maschinellen oder wie auch immer gearteten Aktes bestehen. Was mich mehr interessiert als das Material an sich, ist die Frage, die hinter der Handlung steht, die im Material gespeichert ist.“

In dieser Bilderschau werden die Künstler*innen und ihr Werk weder in ihrer Komplexität noch in ihren charakteristischen Eigenarten vorgestellt, sondern ganz explizit auf die Referenz des Vandalischen hin betrachtet. Dabei geht es besonders um die Wahl ihrer Materialien, ihrer Ready-Mades, ihrer Funde oder das künstliche Herstellen solcher Vorbild- und Inspirationsobjekte. Egal ob es Skulpturen oder Rauminstallationen sind: die Aura des Vandalischen und der Umgang mit der Zerstörung, aber auch des daraus entstehenden Konstruktionsprozesses sind von Interesse. Der Zugang zu den Werken entsteht aus einer verengten Perspektive, der Frage folgend: Wie wird Postvandalismus in der zeitgenössischen Kunst umgesetzt, eingesetzt, aufgearbeitet, weitergesponnen. So kann es durchaus sein, dass die Künstler*innen selbst ihren Schwerpunkt gar nicht auf diese Fragestellung legen, sondern dass sie nur nebenher, ästhetisch oder inhaltlich mitschwingt. Nichtsdestotrotz haben die Werke eine bestimmte Aura, spielen mit Bildern und Erinnerungen der Straße und der Dekonstruktion. Insofern reihen sie sich in ein Phänomen ein, dessen Existenz aktuell keinen Nebenschauplatz darstellt.