In der Nacht wird die Welt /
Kurzer Auszug aus meinem Essay über Andrey Klassens Romantik:
In der Nacht wachse alles zusammen. Am Tag sei ein Baum ein Baum, und ein Weg ein Weg, beschreibt Andrey Klassen die Tageseinheit, die sich durch Licht und Farben auszeichnet. In der Nacht entstehen Verbindungen zwischen den Einzelelementen, sie vermischen sich zu einer neuen Welt. Klassens Szenen scheinen sich allesamt in der Nacht abzuspielen, ob in einer Kneipe, auf einer Bühne, im dunklen Wald oder ganz direkt wie auf Her, wenn die Bildfigur melancholisch, in der Grübelei verloren, auf der Bettkannte sitzt.
Doch beim näheren Hinsehen erkennt man, dass es sich nicht um ein Bett, sondern um ein Sofa handelt. Also ein Ausweichquartier, vielleicht bei Freunden zu Besuch, oder im eigenen Zuhause nach einem Streit im Schlafzimmer. Die Figur befindet sich demnach an einem Zwischenort, der birgt zwar einen gewissen Komfort, Decken sind ebenfalls vorhanden, aber trotzdem bleibt er eine entrückte Zwischenstätte, wie ein Flughafen, der weder Heimat noch Ankunftsort ist. Das Zimmer wirkt leicht surreal, lässt einen Dschungel erträumen, Pflanzen, die zusätzlich vom Licht abschirmen und für ein aufregendes, der Welt entrücktes, Schattenspiel sorgen. In der Nacht wandelt sich der Raum, die Zeit und der Ort. Dinge mit klaren Konnotationen verlieren ihren Zweck und werden Kulisse in einer Märchenwelt, die je nach psychologischer Stimmung der Figur mehr oder weniger bedrohlich erscheint, mal als unschuldige Kindheitserinnerung oder mal als mystischer Weltschmerz.
Zum Katalog: https://www.andreyklassen.com/books