Kunstforum International / Stimmen und Lebensgeschichten/ Mit: Elinor Carruci, Brigitte Meese, Elke Buhr, Hannah Cooke, Anne Duk Hee Jordan, Yvette Mutumba, Véronique Collard Bovy und Anke Doberauer./
Wie ist dieser Lebensabschnitt? Mit einem Baby? Mit mehreren kleinen Kindern? Und dabei die Arbeit, die Kunst? Hier erzählen acht Frauen unterschiedlichen Alters und in unterschiedlichen Familienmodellen über ihre Lebenswege in der Kunstbranche. Und damit begleiten ihre Geschichten auch eine gesellschaftliche, soziokulturelle Entwicklung der letzten Jahrzehnte. Denn es ist noch gar nicht lange her, da wettete kaum jemand auf eine Mutter, die (in der Kunstwelt) Karriere machen wollte. „Als Frauen seid Ihr Märtyrerinnen für die Kunst – anders geht es nicht!“, hörte die Malerin Anke Doberauer während ihres Studiums an der HBK Braunschweig noch Anfang der 1990er Jahre. Die damalige Meisterschülerin musste sich belehren lassen, dass sie keine Kinder bekommen dürfe, falls es mit der Kunst weitergehen solle. Heute ist Anke Doberauer selbst Professorin, an der Kunstakademie München. Die Worte ihres ehemaligen Mentors Ben Willikens hat sie noch im Kopf. „Er sagte uns zwar, dass wir Frauen sehr begabt seien, aber dass er auch ein Risiko einginge, uns alle in seine Klasse aufzunehmen. Denn diese ganze Mühe mit der Ausbildung mache man sich bei den Frauen ja meistens umsonst, denn irgendwann schöben sie alle nur noch Kinderwägen und mit der Kunst wäre es aus. Ja, so war der Tenor damals.“ Als junge Studentin sei sie wütend gewesen und protestierte. Heute, als erfahrene Künstlerin und Professorin, macht sie ihren Studentinnen und Kolleginnen mit Kinderwunsch Mut. Immerhin hätten sich die Männer seit damals durchaus weiterentwickelt und übernähmen ihren Anteil an Verantwortung für die Kindererziehung. Was sie dabei weitergibt: eine akademische Ausbildung und eine kollegiale Haltung, die Frauen darin bestärkt, beides anzugehen, das heißt, wenn ein Kinderwunsch vorhanden ist, diesen nicht aus Angst heraus zu übergehen. Auch ihr großformatiges Gemälde Die Badenden, eines ihrer wichtigsten Werke, kann in diesem Kontext gelesen werden. Auf ihm macht sich eine Heerschar Kinder und Jugendliche auf ins Abenteuer ,Meer‘. Ausgerüstet mit aufblasbaren Hilfsgegenständen, die tragen und schwimmen, bildet ihr unerschrockener, spielerischer Tatendrang das Zentrum und parallel das Hauptmotiv. Ohne Angst, ohne sich umzudrehen, gehen sie hinein, in ihr Leben. Die erwachsenen Rückenfiguren am Rande des Bildes scheinen an die Wanderfigur der Romantik angelehnt zu sein, die in die erhabene Bergferne schaut. Die Malerin schaut, vielleicht mit einer Mischung aus Melancholie und Stolz, auf diese kindliche Lebendigkeit, blickt auf die Kinder der anderen, zu deren Entstehung sie durch ihre direkte Offenheit und mutgebenden Ansprachen beigetragen hat. Märtyrerinnen braucht es nicht mehr. Oder wer hat noch Angst vor Müttern?
Zu allen Geschichten: https://www.kunstforum.de/artikel/wer-hat-angst-vor-muettern/