DCV Verlag / Katalog Dingbats /
Auszug:
Cornelia Baltes Abschied vom Pathos der Geste.
von Dr. Larissa Kikol
Es sind die Linien. Kurze Kurven, längere Krumme, kommaartige, Knäule und schiefe Linien, die in Cornelia Baltes Arbeiten als erstes hervortreten. Die Farben scheinen ihnen eine Welt zu geben, ein Biotop, in denen sie wachsen, sich aufbäumen, schweben, baumeln oder wieder herunterfallen. Abfallen. Und dann entscheiden sie sich wieder um, begeben sich eigenwillig, aber pfeifend zurück ins Spielfeld.
Die Linien spielen nicht nur das Hauptmotiv, sie spielen auch etwas vor. Das Wort ‚Spielen‘ wird noch mehrere Bedeutungen haben, etwa beim malerischen Ausspielen der unernsten Gesten. Doch dazu später mehr.
Die Linie an sich ist ein kunsthistorischer Gegenstand, der durch die verschiedensten Malepochen immer andere, aber immer wichtige Reflexionsursachen anstieß. Ob die Linie als Kontur für das Ausmachen von architektonischen und kulturellen Epochen herangezogen wurde, für Stilanalysen oder für den Beginn, bzw. das Fortschreiten der Moderne und die Loslösung der jeweils vorherigen akademischen Konventionen. Zu dieser Zeit, 1855, gab der neoklassische Künstler Jean-Auguste-Dominique Ingres dem jungen Edgar Degas folgenden Rat: „Zeichnen Sie Linien, junger Mann, und dann noch mehr Linien, sowohl vor Ort als auch aus dem Gedächtnis, und Sie werden ein guter Künstler werden.“ Und obwohl auch Maler, die die Kunst revolutionierten, wie beispielsweise Manet, gegen viele Vorstellungen ihrer Vorgänger wie Ingres ankämpften, kann sein Rat aus heutiger Sicht auch universaler gedeutet werden. Ob Abstrakt oder Figurativ, egal in welchem Stil, die individuelle Arbeit an der Linie hilft dem Maler beim Entwickeln und Festigen seines Ansatzes, egal in welcher Stilrichtung er sich bewegt.
Die Linie löste sich durch die Moderne von ihrem rein naturalistischen Zweck einer genauen Form zu dienen, sich also unterzuordnen und bekam durch die Avantgardisten mehr und mehr Eigenleben. Dazu wurde ihr Lockerheit verliehen, Selbstvertrauen, Emotionen, die Linie wurde beseelt. So entwickelte sich die Linie mehr und mehr zur Geste. Und damit zur expressiven, gestischen Malerei. Zu Deutungshochzeiten, etwa während der Blütezeit des amerikanischen abstrakten Expressionismus, gestand man der Geste zu, eine direkte Spur aus dem Unterbewusstsein des Künstlers zu legen. Sie verrat sein Temperament, seine Sorgen, seine Verletzungen, seine Impulse; so zumindest die damalige Rezeptionssehnsucht.
Cornelia Baltes Malerei setzt an diesem Punkt an, gibt aber jener angesprochenen Sehnsucht nicht statt. Damit führt sie die Linie, die Geste unter anderen Vorzeichen ins 21. Jahrhundert.
Baltes Arbeiten können abstrakt oder figurativ gelesen werden. Einige zeigen deutliche Motive, wie behaarte Hintern oder Hühner, auch Füße und Hände interessieren die Künstlerin. Andere Bilder lassen lediglich zu, dass Erkennbarkeiten möglich sind, aber auch nicht sein müssen. Immer ist die Option gegeben, sich alleine der Linie, den Flächen und den Farben zu widmen, ohne dass die Bilder dadurch etwas verlieren. Im Gegenteil, sie brauchen sich in ihrer Abstraktheit nicht zu verstecken, brauchen keine Figur, um den Blick länger an sich zu binden.