Mirjam Völker – Katalogtext

/Drents Museum/ Katalog Falsche Flagge/

Zur großen Einzelausstellung von Mirjam Völker im Drents Museum erschien der gleichnamige Katalog Falsche Flagge.

Ein Auszug:

Die Hütte ist des Menschen Plan B. Wenn man alles verliert, wenn man am Ende ist, dann erhofft man sich, irgendwo zumindest, eine Hütte errichten zu können. Die Hütte ist das letzte Ziel. Sie ist die letzte Hoffnung. Die Hütte bedeutet alles.

Und dafür gibt es tausende Szenarien. Menschen die durch Überschwemmungen oder ein Feuer ihr Haus verlieren und sich in keinem privilegierten Land in keiner privilegierten Position befinden, bauen sich schützend eine Hütte. Obdachlose, solange die Stadt und der Ort es ihnen gestattet, basteln Hütten. Arme Menschen in armen Ländern leben in Hütten. Aber auch Aktivisten, die verzweifelt für oder gegen etwas kämpfen, errichten am Ort ihres neuen Lebensmittelpunktes Hütten. Spurlos vermisste Personen, Menschen von denen keine sterblichen Überreste gefunden werden, erhoffen ihre Angehörigen in einer geheimen Hütte im Wald, am Meer oder im Irgendwo. Kinder bauen Hütten für ihre Träume und ihre Ich-Werdung. Überlebende tun alles dafür, eine Hütte aufrichten zu können.

Der Mensch wählt die Hütte nicht als erstes. Zumindest die meisten nicht. Die Hütte sieht er erst, wenn er sonst nichts mehr sieht.

Mirjam Völker malt, baut und fotografiert Hütten. Dafür verzichtet sie auf den Menschen. „Meine Hütten sind die Figuren in meinen Bildern. Sie haben etwas Wesenhaftes“, erzählt Völker. Der Betrachter braucht nicht lange, um dies selbst zu spüren. Mirjam Völker kreiert, egal in welchem Medium, lebendige Hütten. Sie bewegen sich, sie atmen, sie halten sich zusammen. Das klapprige Wellblech, die flattrige Plane, der modrig riechende Stoffbezug, die Holzleisten, die sich noch anstrengen. Alles zusammen, die Hütte. Sie versuchen aufrecht stehen zu bleiben. Bloß nicht hinfallen, bloß jetzt nicht umkippen. Wer weiß, wer sie noch braucht. Wer weiß, wer Schutz nötig hat. Und doch kann es jeden Moment geschehen. Das Umfallen. Das Zusammenbrechen. Es sind diese Kippmomente, die Völker einfriert in ihren Bildern. Niemand weiß wie es weitergeht mit ihnen. Den Menschen. Also den Hütten.

Die Bedeutung der Hütte ließe sich in der Philosophie an vielen Stellen wiederfinden. Eine der berühmtesten Hütten in der deutschen Philosophiegeschichte steht in Todtnau im Schwarzwald und war die von Martin Heidegger. Als Antisemit und NSDAP-Mitglied lehnte er eine Berufung nach Berlin ab, im Urbanismus sah der Vertreter des Antimodernismus generell nichts Gutes. Stattdessen bevorzugte er eine einsame Waldhütte zum Arbeiten. Die Hütte entspricht einem Misch aus Naturnähe und Konservatismus. In Hinblick auf das, was man über seine Moral erfahren hatte, besonders durch die Veröffentlichung seiner schwarzen Hefte, auch als Denk-Tagebücher bezeichnet, strahlt die Hütte keine Freiheit mehr aus, wie man es in romantischer Tradition vielleicht vorher unterstellen könnte, sondern Beklemmung und Erstickungsgefühle. Mirjam Völkers Hütten scheinen zu antworten, sie sind der große Kontrast. Besonders durch den vielen Stadtmüll, ja das Urbane, was sie zusammenhält. Es ist auch dieser urbane Charakter, der das liebevoll Chaotische zulässt, das Unordentliche, das Antiautoritäre, das sich in ihrer Physik manifestiert. Durch ihre Wesenhaftigkeit, ihre Vergänglichkeit, die so empathisch wirkt, und ihre Anstrengung, doch noch auszuhalten, werden die Hütten umso humaner. Heidegger hätte hierin nicht denken können, wahrscheinlich hätte er sofort Reißaus genommen. Kurz gesagt: Völker entwirft die Anti-Heidegger-Hütte. (…)