Neues Buch: Neue Abstrakte Malerei

/DCV Berlin / Erschienen: August 2025 / 288 Seiten /

Info:

Die abstrakte Malerei hat sich neu erfunden: befreit von politischen und ideologischen Lasten, steht sie heute für pure künstlerische Autonomie. Vom abstrakten Expressionismus der Nachkriegszeit bis zur zeitgenössischen Leichtigkeit – Larissa Kikol beleuchtet in Essays und Künstler:innengesprächen, wie diese Kunstform ihre ursprünglichen Narrative hinter sich ließ und einen „großen Reset“ vollzog. Von wegweisenden Innovationen von Künstler:innen wie Katharina Grosse oder Albert Oehlen über radikal subjektivistische Ansätze von Cecily Brown oder André Butzer bis zu den jüngsten Strömungen wie Dirty Minimalism und Post-Vandalismus bietet das Buch spannende Einblicke in eine Malerei, die Emotion, Farbe und Form ins Zentrum rückt. Ein inspirierender Blick auf die Renaissance der abstrakten Kunst im 21. Jahrhundert und ein unverzichtbares neues Standardwerk für alle Kunstinteressierten.

Künstler:innen: Frederic Anderson, Karla Black, Frank Bowling, Andreas Breunig, Jenny Brosinski, Cecily Brown, André Butzer, Diamonds Crew, Willehad Eilers, Jadé Fadojutimi, Helen Frankenthaler, Katharina Grosse, Antwan Horfee, Aneta Kajzer, Joan Mitchell, Michael Müller, Oscar Murillo, NEU, NUG, Albert Oehlen, David Ostrowski, Over, Daisy Parris, Marco Pariani, Jackson Pollock, Christopher Wool

Vorwort:

Dieses Buch entstand nach jahrelanger Recherche – und in einem Leben, das von der abstrakten Malerei schon immer tief berührt wurde. Meine Faszination für diese Kunstrichtung hat sich nie erschöpft. Im Gegenteil: sie wächst, verändert, bewegt, beruhigt und vibriert. Abstrakte Malerei gehört für mich zu den spannendsten Feldern der Kunst. Was fremd wirkt, kann eine ungeahnte Intensität entfalten – ganz ohne Worte. Gute Arbeiten sprechen Herz und Verstand an. Meine Zuneigung zu ihr hat keinen klaren Ursprung. Sie war schon immer da, begleitete mich in Momenten der Euphorie wie auch des Zweifels.

Abstrakte Malerei ist eine Herausforderung, aber sie kann auch Einzigartiges geben.

Einleitung:

Der große Reset

Von Neuem anzufangen ist oft ein Traum. Sich von etwas zu befreien heißt neue Lebensimpulse setzen.

Lange im Vorhinein schleicht sich das Gefühl ein, dass sich etwas ändern muss. Gründe, warum es so nicht weitergehen kann, nicht weitergehen wird, bekommen immer mehr Kontur. Auf den Neuanfang wird hingearbeitet, er ist Hoffnung, er ist Licht.

Aber nicht der Neuanfang ist das Wunder. Sondern die Befreiung. Dies ist der allerschwerste Part. Er braucht lange, manchmal Jahre, manchmal Jahrzehnte. Sich von etwas zu befreien kann die größte Aufgabe eines gesamten Lebens sein. Nur um wieder zu atmen. Um wieder eine Zukunft zu sehen. Um sich endlich wieder entwickeln und verändern zu können.

Natürlich ist die Vergangenheit immer noch ein Teil, selbst bei einem radikalen Cut ist das Ende immer noch das Grenzgebiet des neuen Anfangs.

Die Vergangenheit wird nicht vergessen. Aber sie wird losgelassen. Abgesondert. Und als externes Artefakt archiviert. Aber der Körper ist frei.

So verhält es sich auch mit der abstrakten Malerei. In den letzten Jahrzehnten wurde sie ihrer Vergangenheit enthoben. Viele Künstler haben daran mitgearbeitet. Der Kunstkörper ist frei.

Jetzt, zu Beginn des 21. Jahrhunderts, hat die abstrakte Malerei einen Neustart vollzogen. Ihren großen Reset.

Aber was war passiert?

Der internationale Durchbruch der abstrakten Malerei nahm in der Nachkriegszeit in den USA ihren Ausgang, von New York ging es in die ganze Welt. Als „abstrakter Expressionismus“ malten Jackson Pollock, Mark Rothko, Willem de Kooning und viele weitere ihrer Kollegen Bilder, die die Kunstgeschichte für immer verändern sollten. Pollocks Durchbruch geht auf ein fast 15 Quadratmeter großes Wandbild, Mural (1943), zurück, das er auf Leinwand malte und das von Peggy Guggenheim für die Eingangshalle ihrer New Yorker Wohnung, die zugleich ihre Galerie war, in Auftrag gegeben wurde. Ein Werk, das er lange Zeit nicht schaffte zu malen. Er war blockiert und fing nicht einmal damit an. Am Abend vor Ende der vereinbarten Frist ging seine Lebensgefährtin Lee Krasner mit ihm spazieren. Sie wollte ihm helfen, war aber sicherlich genauso verzweifelt. Und dann, plötzlich, wer weiß wie, entkrampfte sich der Malerkörper. Krasner legte sich schlafen und Pollock malte die ganze Nacht. Eine Befreiung im eigenen Selbst führte zu einem Werk, über das der Kunstkritiker Sebastian Smee rückblickend schrieb: „Das Bild ähnelte keinem, das bis dahin gemalt worden war, sei es in Europa oder in Amerika.“[i] Und so war dieses Gemälde nun in der Welt. Und damit auch seine Entstehungsgeschichte, besser gesagt sein Entstehungsmythos, der zur Figur des getriebenen Genies Pollock den Anstoß gab. Neuere Forschungen des Getty-Museums legen allerdings nahe, dass die Nacht-und-Nebel-Aktion in dieser extremen Zuspitzung nicht stattgefunden hat, da die Farbschichtungen und Kompositionen auf einen längeren Arbeitsprozess hindeuten als den nur einiger Stunden.[ii]

Doch die Künstlerinszenierungen von Pollock, Krasner und ihrem Förderer, dem Kunstkritiker Clement Greenberg, hatten selbst beinahe Werkcharakter und trugen entscheidend zur Legendenbildung der abstrakten Maler und ihrem weltweiten Ruhm bei.

Die abstrakten Gemälde, die den Kunstkritikern, Sammlern und auch ihren eigenen Urhebern erst einmal keine Figuren und direkten narrativen Themen zur Verfügung stellten, brachten neue Denksportaufgaben mit sich. In ihre Besprechung, Vermittlung und Deutung wurde viel Arbeit investiert. So transformierten sich Bestandteile wie Geste, Fläche, Farbe, Linie und Malaktion in der Kunst- und Kulturgeschichte des 20. Jahrhunderts zu inhaltsschwangeren Denkfigurationen: begriffliche Anstöße für mystische, psychologische, biografische, politische und kulturelle Erzählungen. Auf einem der wirkmächtigsten Höhepunkte der abstrakten Malerei wurde diese im Kalten Krieg als kulturpolitische Waffe instrumentalisiert. Als Symbol für Freiheit, Individualismus und die Überlegenheit der amerikanischen Demokratie sollte sie die figurative Malerei Europas und der Sowjetunion übertrumpfen. So erlangte sie „im Kontext der Reeducation-Programme“ den Ruf „als neue Weltsprache“, die „Freiheit inszeniert“.[iii] Doch ihre Rezeption war nicht nur politisch, besonders Pollocks Bilder galten aus kunsthistorischer Perspektive als internationaler Durchbruch einer amerikanischen Neuschreibung der Malerei, damit einhergehend auch als Psychogramm einer künstlerischen geplagten Seele, zwischen Abgründen, Wildheit und Mut. Als abstrakte Zeugenschaft von Alkoholsucht, Psychotherapien, intuitivem Malen und dem Sieg der Unverfrorenheit.

Die Rezeption war so vieldeutig, vielschichtig und milieuübergreifend, dass die Geschichte des amerikanischen abstrakten Expressionismus heute auserzählt ist. Gefühlt haben alle Interpretationsmodelle in ihr stattgefunden, haben Anklang gefunden, wurden erforscht, widerlegt, kritisiert oder hergeleitet.

Die abstrakte Malerei hat ihre damaligen Narrative verbraucht, wenn auch auf großartige Weise. Sie war Teil vitaler Hoffnungen einer Gesellschaft, die gerade den Zweiten Weltkrieg miterlebt hatte. Der abstrakte Expressionismus stand für „die Utopie der Freiheit, für welche die Vereinigten Staaten von Amerika stehen, in denen die pursuit of happiness in der Verfassung festgeschrieben ist“[iv], so der Kunsthistoriker Beat Wyss in seinem Buch Nach den großen Erzählungen – ein Titel, der auch auf die gegenwärtige abstrakte Malerei zutrifft und ebenfalls Überschrift dieses Buches über sie sein könnte. Die großen Utopien sind heute versiegt. Komplexe und hybride Realitäten legten sich über sie.

Danach wäre die expressive abstrakte Malerei eigentlich unbedeutend geworden, vielleicht würde sie ihre größten (kommerziellen) Erfolge heute im Merchandising und im Kitsch feiern. Vielleicht wären die ehrlichsten und bereicherndsten Formen ihres Auftauchens noch die mit therapeutischem oder pädagogischem Ansatz, also in psychotherapeutischen Praxen, Kliniken, Schulen oder Kinderzimmern.

Dass die Geschichte der expressiven abstrakten Malerei jedoch nicht in ihrem eigenen Getriebe verebbt ist, im Gegenteil, dass sie sich neu erfunden hat, gewandelt und heute sogar in noch größerer Blüte steht als zu Pollocks Zeiten, ist den Künstlern der vergangenen Jahrzehnte zu verdanken, die mit Ihren Werken auch den Grundstein für die ihre aktuellen, jungen Nachfolger legten.

Der abstrakte Expressionismus ist somit keine abgeschlossene historische Bewegung oder Stilrichtung. Er ist vielmehr eine Gattung bzw. eine grobe, weit gefasste Einordnungshilfe von Malerei, die weiterlebt und Gegenwart ist. (…)

Buch hier bestellen: https://dcv-books.com/produkt/larissa-kikol-neue-abstrakte-malerei/


[i] Sebastian Smee, Kunst und Rivalität – Vier außergewöhnliche Freundschaften, Berlin: Insel 2023, S. 315.

[ii] Abigail Cain, “The Myth of Jackson Pollock, Peggy Guggenheim, and the Masterpiece Created in One Night”, artsy.net, 13.09.2016, https://www.artsy.net/article/artsy-editorial-story-pollock-guggenheim-masterpiece-created-one-night [zuletzt aufgerufen am 14.10.2024]

[iii] Kathrin Thomas, „Kunst und Künstler im geteilten Deutschland“, in: Kunstforum International, Wendezeiten – Deutschland in der Kunst, Band 236, 2015, S. 33.

[iv] Beat Wyss, Nach den großen Erzählungen, Frankfurt am Main: Suhrkamp 2009, S. 47.