Kuration: „Welche Stimmung fandest du dort vor?“

Galerie Russi Klenner, Berlin, Gruppenausstellung: Grada Kilomba, Iiu Susiraja, Mehmet und Kazim, Zohar Fraiman, Kyle Meyer, Hamid Yaraghchi

Es war mir eine große Freude diesen Sommer die Gruppenausstellung „Welche Stimmung fandest du dort vor?“ mit der Russi Klenner Galerie zu kuratieren.

Bilder: https://larissa-kikol.de/kuration/

Ausstellungstext:

Deutsch-türkische Cousins, die sich
küssen, Werbe- und Comichelden in
Schieflage oder das nackte Selbst als
dramaturgisches Stilelement. Iiu
Susiraja, Grada Kilomba, Mehmet und
Kazim, Kyle Meyer, Hamid Yaraghchi und
Zohar Fraiman befragen menschliche
Situationen von surrealem, politischem
und intimem Ausmaß. In ihren Malereien,
Fotografien und Installationen zeigen
die international etablierten sowie
aufsteigenden Künstler und Künstlerinnen Momente der Konfrontation mit
sich selbst, dem Alter Ego oder mit
Spuren aus der Vergangenheit. Dahinter
stehen wahre Narrationen oder auch
Traumsequenzen. Sind der Weihnachtsbaum im Klo und der Fisch zwischen
den Schenkeln die unverblümte Wahrheit oder vielmehr eine theatrale
Katharsis nach den Affekten?
„Welche Stimmung fandest du dort
vor?“ ist nicht nur eine klassische
Interviewfrage an Künstler und Künstlerinnen, die aus ihren Erfahrungen
schöpfen, sondern auch an BesucherInnen
und an ProtagonistInnen in einem
Kunstwerk. Eine sachliche Frage, die
jedoch nicht immer ganz sachlich
beantwortet werden muss.


Iiu Susiraja (1975* Turku, Finnland):
Um mit Missverständnissen und zu
flachen Analysen direkt aufzuräumen:
Im Vordergrund steht nicht die Kritik
an Schönheitsidealen. Iiu Susiraja ist
Dramaturgin, Fotografin und Bühnenbildnerin – und das auf derselben Arbeit.
Sie treibt imaginäre Theaterstücke auf
die Spitze, statt einer Story gibt es
surreale Situationen. Diese Situationen bleiben anwesend, genauso wie
sie, eingefroren in der Katharsis.
Accessoires und Absurdität, nackte
Haut und bildhauerische Arbeit an der
Form, Bühnenraum und privates AlleinSein, Metaphern und Theaterspiel,
wahrer als jede ehrlich gemeinte
Dokumentation. Oder eben doch nicht,
Spiel und Wahrheit sind vielleicht
doch eins.


Mehmet und Kazim (1991* München, 1981*
München): Der vertraut chemische
Geruch von Edding will gerade aufkommen, als er sich im letzten Moment in
Ölgeruch verwandelt. Darin erscheinen
Adidas-Typen mit Katzen. Die Goldkettchen wehen im Wind, die Rollschuhe
fahren schnell, das hintere Bein ist
angewinkelt. Ballerinagleich wird in
der Hängematte geschaukelt, bis die
Katze hinaufspringt – No Art. Die
Cousins erkennt man vom Weiten am
Herzchen-Slang. Der ist laut, vorbei
gehen geht nicht. Sie malen zusammen
und kreuzen die Pinsel, mit langen
Armen, pfeifend. Die Liebe ist die
Baseline. Auf ihr reiten sie in
weißen Tennissocken auf leuchtenden
Schimmeln dem Sonnenuntergang entgegen.


Hamid Yaraghchi (1984* Teheran, Iran):
Man geht von Tisch zu Tisch. Unter
den schönen Blumen stehen verschiedene
Geschenke. Mal ist es ein Glas mit
einem eingelegten Kopf, mal ein Bild
von einem abgehackten Kopf, mal ein
Tierschädel mit langen Zahnreihen.
Wo sind die Beschenkten? Wer war der
aufmerksame Gast? Es können aber auch
Andenken sein, Denkmäler, keine Mitbringsel, sondern Zeugnisse der Welt.
Dinge, die bereits da sind, die in der
Welt geschehen. Die Blüten wuchern bis
sie verwelken. Schönheit ist Nebensache, auch die Blumen können nichts
dafür. Will man eine mitnehmen?
Aber Tote und Stillleben stört man
lieber nicht.


Zohar Fraiman (1987* Jerusalem,
Israel): Zumindest in der einstigen
Werbewelt von Dr. Oetker meistert die
moderne Hausfrau mit Stolz ihre Aufgaben. Von deren Modestil lässt sich
Fraiman inspirieren, genauso wie von
Figuren der modernen Kunstgeschichte,
der Märchen und Trickfilme. Doch einiges
stimmt nicht. Die Frauen verdoppeln
sich als unheimliche Puppen, fröhlich
traurig. Im Wohnzimmer wird Alice im
Wunderland von einem Flamingo angegriffen, beherzt würgt sie ihn. In
der Küche leckt der Mann an der Katze,
die Frauen klappern begeistert mit
dem Geschirr. Während im Schlafzimmer
eine andere darauf wartet, dass sich
jemand auf ihr Online-Profil meldet,
lösen sich ihre multiplen Gesichter
ab.


Kyle Meyer (1985* Ashland, USA): Was
auf den ersten Blick nach Bob-MarleyFankultur aussieht, verbirgt mehr.
Die portraitierten Männer gehören zur
LGBT-Gemeinschaft in Eswatini (ehemals
Swasiland). Homosexualität ist dort
verboten, die HIV-Rate ist extrem
hoch. Ihr wahres Selbst bleibt größtenteils versteckt, in ihrem Alltag,
sowie in Meyers Arbeiten. Koloriert
und stilisiert als Pop-Ikonen, bleibt
die Tarnung erhalten. In einzelnen
kleinen Bildflächen blitzen Gesichtsfragmente hindurch. Doch gehalten wird
alles durch die op-artige Verzerrung.
Sie entsteht aus zerschnittenen Fotos
und den eingewebten Kopftüchern,
die sich als schützende Maske um die
Identitäten wickelt.


Grada Kilomba (1968* Lissabon, Portugal): Geheimnisvoll und ernsthaft wirkt
es bei ihr, spirituell und sinnlich
zugleich. Die Installation aus Erde,
Zucker, Kaffeebohnen, gemahlenem
Kaffee, Kakao und dunkler Schokolade
ist mit Kerzen umringt. Ein Mahnmal
oder eine Totenwache könnte es sein,
oder ein religiöses Fest. Kilomba
schafft Räume für Geister, mal durch
Installationen, mal durch Performances.
Die Geister stammen aus verschiedenen
Epochen und Erdteilen, aus Kriegen,
der Sklaverei in Brasilien, oder aus
der griechischen Mythologie, wo mordende Väter ihre Opfer suchen. Hierfür fließen Narrationsweisen zusammen,
die sie in ihrer Arbeit als klinische
Psychologin, als Wissenschaftlerin
und als Autorin erlernte und abstrahierte.


Diese Gruppenausstellung entstand
durch viele Gespräche zwischen Larissa
Kikol und Russi Klenner. Sie kennen
sich seit Jahren, arbeiteten bereits
öfters an Katalogen zusammen und
reden, entweder persönlich, bei Bier
und Katzen, oder als Telefonfreunde
zwischen Marseille und Berlin, über
ihre Kunsterlebnisse. „Welche Stimmung fandest du dort vor?“ beantworteten beide immer ehrlich, wenn sie
dem anderen Kunstwerke beschrieben,
die sie gerade gesehen hatten. Nicht
immer einer Meinung, führten ihre
Geschichten zu einem intensiven Austausch. Die Gruppenausstellung ist ein
Resultat daraus, zugespitzt auf 6 sehr
unterschiedliche Künstlerpositionen,
deren Stimmungen sich einprägten,
deren Atmosphären die beiden begleiteten.
Ein thematischer Fokus oder eine
ästhetische Harmonie entstehen nicht.
„Schwierig kuratierbar“ stellten sie
in der Galerie vor dem Aufbau fest.
Auch die Künstler verlassen ihr
gewohntes, kollegiales Spektrum und
finden ihre Werke in neuen Nachbarschaften und Kontexten wieder, dort
wo sie sich rein instinktiv von
selbst vielleicht nicht hinbegeben
hätten. Es bedeutet aber auch ein
neues Kennenlernen und eine neue
Wahrnehmung der Arbeiten sowie der
eigenen Position. Dieser Ansatz
braucht Lücken und Abbrüche, zeigt
aber auch überraschend gemeinsame
Erzählungen, die Ruhe in der Distanz
und den Mut zur Nähe. Letzten Endes
ist eine Ausstellung, umso mehr eine
Gruppenausstellung, immer eine
subjektive Übung von Realität. Sie
bedeutet eine Befragung der Identifikation, der Wesens-Erkennung der
einzelnen Werke, die, vielleicht gerade
in einer für sie unüblichen Konstellation, klarer zu Tage tritt.