Interview mit André Butzer

Kunstforum International // Band 263 „Rebellion und Anpassung“ / Malerei ist ein Friedhof, also eine sehr zukünftige Angelegenheit.

Einleitung:

„Unter dem Stilbegriff „Science-Fiction-Expressionismus“ begann André Butzers Karriere als deutscher Maler, der sich genauso an der nationalsozialistischen Geschichte wie an Walt Disney und Micky Mouse abarbeitete. 1973 in Stuttgart geboren, studierte er zwei Semester an der Hochschule für Bildende Künste Hamburg, bis zu seinem Rauswurf. Als Gründungsmitglied arbeitete er danach einige Jahre mit dem Kollektiv „Akademie Isotrop“ zusammen. Heute wird er unter anderem von den Galerien Max Hetzler, Berlin | Paris | London und Metro Pictures, New York vertreten. Letztere zeigte seine neuesten Arbeiten diesen Sommer in einer weiteren Einzelausstellung.

Mit „Science-Fiction-Expressionismus“ meinte Butzer eine malerische Praxis und Bildwelt, die Vergangenheit und Zukunft vermengt und so durch eine weltliche Hölle in den Farbhimmel führt. Seine Bildwesen, die sich zwischen Chips und Cola-Flaschen bewegen, zeugen von Ähnlichkeiten zu Zeichentrickfiguren, sind jedoch in expressiver Manier gemalt. Besonders zwei seiner Bildfiguren nehmen einen wichtigen Platz ein: Der „Schandemensch“ und der „Friedens-Siemens“. Der Schandemensch besitzt statt eines Kopfs einen Totenschädel mit wurstigen Tentakeln an den Wangen und einen Knochenstumpf als Bein. Er entwickelte sich aus Edvard Munchs Der Schrei sowie aus dem Totenkopf der SS. Der Friedens-Siemens ist hingegen kein Monster, sondern ein guter Freund, der durch seine übergroßen Comicaugen auf den Ort der Träume deutet. Ab 2003 malte Butzer abstrakter, löste seine Figuren immer weiter auf und nannte diesen Bildprozess schließlich „Neo-Cézannismus“. Auf halber Strecke gab er einmal zu bedenken, dass die Bilder von Donald Duck wohl so aussähen, würde dieser malen. Der Neo-Cézannismus bedeutete hinter die Renaissance zurück zu gehen, also die Naturnachahmung aufzugeben und Farbflächen zu komponieren, so als würde man in das Bild hineinhorchen oder es von innen sehen. So betitelte Butzer auch eines seiner Werke als Lieblingsbild von Paul Cézanne (2009). Ein Jahr später befreite er sich noch weiter von seinen wesenhaften Bildfiguren, indem er die Grablegung von Winnie Puh (2010) malte. Seine lauten, bunten Farben aus der Tube, der „Toom-Stoff“, wie Butzer das Baumarktmaterial nannte, fielen schließlich ab 2011 in tiefes Schwarz. Radikal beendete Butzer seinen künstlerischen Wiedererkennungswert und malte viele Jahre lang nur noch ‚scheinbar‘ schwarz-weiße Bilder, die sich auf horizontale und vertikale Formen und Fugen zurückzogen, aber keine geometrische Malerei darstellten. Es war ein mutiger Schritt, er habe „das Persönliche, das Weltliche, die Themen, die Bezüge, das Namentliche […] eleminiert“i. Die Welt und die malerischen Freunde der Person Andre Butzer verschwanden. Diese Bilder fügen sich als sogenannte „N-Bilder“ zusammen. In den folgenden Jahren verengten sich die Fugen immer mehr, während sich die schwarze Fläche ausdehnte. Die Entwicklung dieser Formen liest sich organisch, wesenhaft. Schließlich stellen die Formen der N-Bilder für Butzer ebenfalls Bildfiguren dar, die in der Bildwelt ein eigenes Leben fristen. Im Jahre 2018 zog er mit der Künstlerin Maja Körner und ihren drei Kindern von Berlin nach Kalifornien. Seitdem kann der Betrachter eine Wiederkehr der wesenhaften Bildfiguren und ihrer Farbigkeit beobachten. Für Butzer bleiben seine Gemälde allerdings weiterhin abstrakt. Zeit für ein Gespräch.“