Katalogtext David Moses

Distanz Verlag / Galerie Russi Klenner

Essay „Spielfelder. Game over der Erzählung“

Auszug:

… „Die Helden des Zeichentricks sind starke Identifikationsfiguren. Der Prozess der Identifikation ist ein höchst emotionaler, „an dem Gefühle der Bewunderung, Sympathiegefühle, Selbstwertgefühle, Gefühle des Überlegenseins zusammenwirken.“[i]

Dies ist schließlich auch die stärkste Rezeptionsform von Disneyfilmen. Ohne das Hineintauchen in die gezeichneten Figuren, wäre nie eine so starke Bindung zwischen dem (kindlichen) Publikum und den Werken entstanden. Aber gerade das birgt auch Gefahren.

David Moses Umgang mit den Figuren ist ein anderer. In The Flying Mouse wird die Geschichte einer phantasievollen Kinder-Maus erzählt, die sich wünscht zu Fliegen. Durch eine, von ihm tapfer gerettete Fee, geht dieser Wunsch in Erfüllung, jedoch wird das Glück der Maus dramatisch zerstört, weil sie von nun her von ihrer Familie verstoßen wird. Das ihr negativ gespiegelte Körperbild verinnerlicht sie, weinend glaubt sie ein Monster geworden zu sein. Erst als sie sich von den Flügeln wieder trennt, wird ihr die Mutterliebe erneut zu Teil. Ist hier die Moral der Geschichte, dass Übermut bestraft wird? Ist es bloß eine weitere Adaption der Ikarus-Mythologie? Oder wird nicht vielmehr vermittelt, dass in den 1930er Jahren Anpassung und Konformität höher bewertet wurde, als differente Selbstwahrnehmungen und Individualität? Ist der Muttertypus hier in Wirklichkeit nicht eine grausame, eigentlich faschistische Figur? Rüdiger Suchsland von der Jüdischen Allgemeine, geht einer rechten Sympathie von Walt Disney in den 30er Jahren nach, ein „verklärtes Weltbild dominiert, dessen Bildsprache stark von deutschen Heimatidyllen geprägt ist.“ Auch die Maus wandelte sich, „zumal Micky Maus selbst den sympathischen Anarchismus der Anfangsphase bald ablegte und zu einem Vertreter von Ordnung und Kontrolle mutierte.“[ii]

David Moses negiert zu Recht den Inhalt der Geschichte The Flying Mouse und somit auch die Charaktere der Figuren. In seiner Bildserie 34TFM zu diesem Disneyfilm wird die höchst problematische Lehre abgestoßen, die aus einer Zeit des Weltkrieges und lange vor den 68er-, den Emanzipations- und Queer Bewegungen stammt.

Andere Filme wie Lullaby Land, The Robber Kitten oder Babes in the Woods, handeln auf auch davon, dass in der Freiheit, im Abenteuer „Draußen“ und im phantasievollen Spiel große Gefahren lauern, und die Sicherheit in der Befolgung von Regeln und im Brav-Sein zu finden ist. Ebenfalls ein pädagogisches Konzept, das nicht nur in diesem Zeitgeist Fragen aufwirft.

So bezeugen bereits die Bild- und Serientitel eine emotionale Distanzierung David Moses zu der Pädagogik der Inhalte. Durch das Ordnungssystem der Abkürzungen aus Zahlen und Buchstaben, wird auf ein sachliches Archiv verwiesen. Die Titel implementieren eine nüchterne Distanz und keine unreflektierte, naive Affektion.

Was bleibt sind Ausschnitte der Figuren als ästhetische Ankerpunkte, als lose Fragmente in einer ansonsten abstrakten Malerei. Ein Ansatz den David Moses in all seinen Bildserien umsetzt.  

Durch das Ausradieren der Inhalte, bleibt nur die Form übrig. Und diese Form ist prägend in der Rezeption. Sofort erkennt man die großen Comicaugen, und durch sie schließlich die Ohren, die Münder und weitere Körper. Dadurch werden Emotionen transportiert wie in 34TFM004M0607, zwischen den fröhlichen Farben herrschen Momente der Angst, Verzweiflung und Schrecken, die jedoch von der Geschichte losgelöst wurden. Aber auch diese Emotionen verflüchtigen sich, je länger die Gemälde betrachtet werden. Die Zersetzung des Gegenständlichen, das heißt hier auch der pädagogischen Ideologien, führt in die abstrakte Malerei, das heißt in eine Befreiung durch Farbe, Linie, Übermalung und Farbfelder.“ …


[i] Werner Glogauer, Die neuen Medien verändern die Kindheit, Deutscher Studien Verlag, Weinheim, 1993, S. 75

[ii] Rüdiger Suchsland, Disney in Naziland, in: Jüdische Allgemeine, 17. 08. 2015, [https://www.juedische-allgemeine.de/kultur/disney-in-naziland/]