Raum für drastische Maßnahmen – Alsino Skowronnek

Ausstellungstext //

Die göttliche Muße, mit der in vorherigen
Jahrhunderten Künstler ihre Inspirationen
erklärten, hat Alsino Skowronnek durch ein
Computerprogramm ersetzt. Alsino ist
Künstler, Sprüher und Programmierer; als
letzterer entwickelte er verschiedene
Machine-Learning-Ansätze, die ihm Vorlagen
für seine visuellen Arbeiten liefern. Anstelle
der Muße könnte man auch von Träumen
sprechen. Die surrealen, unterbewussten
Traumbilder erscheinen nicht mehr im Schlaf,
sondern durch eine künstliche Intelligenz, die
ein besonderes Faible für Graffiti aufweist
und sich überraschend gut mit der New
Yorker Szene der späten 1970er und frühen
1980er Jahre auskennt.
Für eines seiner KI-Modelle benutzte er über
1000 Fotografien von Tags, die er einem
Instagram Account entnahm. Die einzelnen
Buchstaben verlinkte Skowronnek mit dem
Alphabet, somit konnte das Programm eine
eigene Tag-Typografie erlernen. Die so
entstandenen Wörter malte Skowronnek
draußen auf die Straße, mal als analoge Tags,
mal zu Graffitibildern oder zu Wandmalereien
weiterentwickelt. “Ghost-Tags” nennt der
Künstler die Schriften, mit denen er sich auch
von seiner eigenen Handschrift und von
seinen jahrelang eingeübten
Taggewohnheiten befreien wollte. Indem er
die Schrift seines Programmes erlernte,
eröffneten sich neue Bild- und
Kompositionsideen. Diese setzte er auch in
der kalifornischenWüste um. Hier baute er
sich eineWand aus Pressspanplatten auf. Die
surreale Szenografie transformiert das
Wandbild zu einer Land-Art-Installation oder
auch zu einem urbanen Readymade in einer
ehermenschenfeindlichen Natur.
Neben dem vandalischen Schreiben und Malen
auf der Straße, den Gemäldeinstallationen in
Landschaftskulissen malt Skowronnek
klassische Tafelbilder. Die Leinwände
basieren aber ebenfalls auf digitalen
Strategien seiner Programmierung. Die
Arbeit »Tribute to Blade« verrät sich nicht
ästhetisch, sondern nur durch ihren Titel.
Ausschließlich Graffitis des Graffiti-Pioniers
Blade gab Skowronnek seinem Programm
zum Erlernen neuer Bildformen. Nicht wie bei
den Tags, wo er am EndeWörter eingeben
konnte, trainierte er hier sein Modell darauf,
neue Bildtypen aus dem Blade-Material zu
generieren. Von diesen Farb- und
Formkompositionen entwickelt Skowronnek
seine eigenen Interpretationen auf Leinwand.
Hinter jedem Gemälde stehen andere
Machine-Learning-Modelle. In die Malerei
übersetzt entstehen unterschiedliche
Bildräume, mal sind sie filigraner, erinnern an
Skelette von einstigen Throw-Up-Körpern,
mal an aquarellartige Geheimschriften die
aufgebläht und abstrahiert wurden, mal an
dichte Farbfleckmalerei mit
Mosaikkompositionen, in denen sich die Bilder
am weitesten aufgelöst und wieder
zusammengesetzt haben. Graffiti nimmt bei
Skowronnek das Instrument des Anstoßes
ein, aber auch den Ort der Umleitung auf dem
Weg zum fertigen Bild. Dazwischen steht die
künstliche Intelligenz, die – wie beruhigend –
am Ende doch wieder nur in die Abstraktion
führt.
Larissa Kikol


The Dirty Hands
of the Machine
Eine EINZELAUSSTELLUNG VON Alsino Skowronnek

  1. September — 2. Oktober 2021
    Raum für drastische Maßnahmen

Ausstellungsfoto: Sedlar and wolff