Distanz Verlag / Francisco Carolinum Linz / Katalogbeitrag / Sanatorium Süßmilch/
Ein Auszug:
Hinter dem Schmerz.
Ein „Fuck you“ an alle Abramović-Erwartungen
Die Geschichte der weiblichen Performance, genauer gesagt, der feministischen Performance, ging immer wieder durch markante Passagen des Schmerzes und Leidens. Zwar wurde der eigene Körper bei allen Geschlechtern zu einem favorisierten Material, mit dem streng und strapaziös umgegangen wurde. Auch Männer fügten sich für die Kunst Wunden und Schmerzen zu. Es sind jedoch die weiblichen Performances, etwa von Yoko Ono, Gina Pane oder Carolee Schneemann, die die körperlichen Strapazen in der politischen und soziokulturellen Kunstgeschichtsschreibung unwiderruflich festgeschrieben haben, weit über eine „nur“ feministische Kunstgeschichte hinaus. Marina Abramović repräsentiert dieses ikonische Bild wohl am stärksten. In ihrer Autobiografie schrieb sie, „dass der Schmerz so etwas wie eine heilige Tür zu einem anderen Bewusstseinszustand“[i] sei.
Heute, in den Zwanzigerjahren des 21. Jahrhunderts, hat sich vieles verändert. Dank der unverzichtbaren Vorreiterinnen, die viel von ihrem Körper, ihrer Intimität und ihrer Gesundheit hergaben, um die einst marginalisierte Frauenrolle in der bildenden Kunst grundlegend neu zu schreiben, können Künstlerinnen sich von dem Schmerz befreien.
Sophia Süßmilch, Performancekünstlerin und Malerin, steht in diesem Erbe und für eine neue Generation, die nun auch mehr Humor, Selbstironie und Verspieltheit einsetzen darf beziehungsweise will und dabei trotzdem nicht befürchten muss, die Stärke ihrer Haltung oder die Ernsthaftigkeit der Rezeption zu gefährden.
In ihrer Ausstellung Sanatorium Süßmilch wird sie dreißig Tage im Museum Francisco Carolinum wohnen. Besucherinnen haben täglich nur zwei Stunden Zugang zu den Räumlichkeiten. Montags ist geschlossen. Während ihrer Anwesenheit wird Süßmilch eineinhalb Stunden lang massiert. Die Besucherinnen können sich unter ihren Massagetisch hocken oder legen, wenn sie das wollen, und ein Gespräch mit der Künstlerin führen. Man wird ihr Gesicht durch das Loch des Tisches gedrückt sehen. Eine eigentümliche Haltung für eine Konversation, für beide Seiten. Vielleicht wird es etwas unangenehm, aber eher für die Künstlerin, die sich nun alles anhören muss. Oder auch nicht, vielleicht wird sie auch ein Nickerchen machen. Eine Sauna steht ihr ebenfalls zur Verfügung, jedoch ohne Besucherinnen. Statt Schmerz also Massage, statt Leid Self-Care. „Die Abramović-Erwartungen, die man besonders an eine weibliche Performance hat, werden nicht erfüllt“, stellt Süßmilch mit mir im Gespräch klar.
Schlafen wird sie in der Installation Deep fried woman, einem „Vagina dentata Bett“, wie sie es auch nennt. Ein Nest, ein kleiner Raum, ein Meter fünfzig hoch und nur über eine Schwimmbadtreppe zu betreten. Innen sind die Wände blau und mit Zähnen behangen, wie ein Sternenhimmel. Auf der runden Matratze wird Sophia die Nächte verbringen. Wahrscheinlich ohne Muskelverspannungen, die wohl häufigste Nebenwirkung von Performances. Die Masseurinnen helfen.
Sophia Süßmilch steht für eine sehr zeitgenössische Kunst, die feministisch ist, die provokant ist, konsequent ist, aber in der auch das Augenzwinkern wie ein dreister Joker im Spiel der Kunstwelt selbstbewusst auf den Tisch gelegt wird.
Das Sanatorium Süßmilch nennt die Künstlerin auch einfach „Irrenanstalt“ – ein liebevoller und gruseliger Titel zugleich. In sorgsamer Manier hat sie sich eingerichtet, ihr Bett gebaut und Vorkehrungen zur Verpflegung getroffen. Auch engagiert sie Wächterinnen, die sie vor eventuellen Übergriffen schützen, wenn sie nur mit einer Unterhose bekleidet auf einem Massagetisch liegt und Besucherinnen ein und aus gehen. Das Museum, ihre Ausstellung werden zum Rückzugsort für Heilung, für Ruhe, zum Malen und Schlafen.
[i] Marina Abramović, Durch Mauern gehen, München 2016, S. 120.