Interview Markus Vater

Kunstforum International / Zeichne! /

Ein Zeichenwütiger. Ein Katzen-Erschrecker. Ein grenzüberschreitender Maler-Zeichner. Wenn Markus Vater ein Zeichengerät in der Hand hat, scheint ihn nichts aufzuhalten. Blatt um Blatt, Leinwand um Leinwand, Raum um Raum. Seine Linien nehmen alles ein, fahren überall drüber, und hinterlassen gestische Spuren, die sich mal zu panischen Katzen, zu düsteren Hunden oder zu einem Platzregen aus Strichen zusammenrotten. Architektur, Welt und Tier verschmelzen zu Kultplätzen, Gesichter und aufgerissene Münder erinnern an Wappen- oder Totempfähle der Ureinwohner Amerikas. Vaters Linien drängeln sich durch alle Sphären, nur nicht durch die Farbe. Konsequent bleiben die Bild welten schwarz und weiß, Bunt würde nur ablenken, Bunt wäre in seinem Fall nur Deko, alles was Markus Vater erschafft, stammt aus der schwarzen Linie.

LK Es gibt Figuren, die bei dir regelmäßig wiederkehren. Welche sind das und wie fühlen sie sich?

MV Was Du wahrscheinlich meinst, sind Frightened Cats und Dark Dogs. Grundsätzlich sind Tiere für mich sehr real. Also nicht symbolisch. Ich bin mit Katzen, Hunden, Pferden und Kühen aufgewachsen. Mit Spinnen und Mäusen und Bienen. Mit Hirschen und Hühnern und Zecken. Mit Füchsen, Heuschrecken, Wildschweinen, Läusen, Ratten und Blindschleichen. Mit Fledermäusen, Fröschen, Ameisen, Schnecken, Fliegen, Mücken und Wespen. In diesen aktuellen Zeichnungen sind es Katzen und Hunde. Die Katzen habe ich hauptsächlich in Deutschland gemalt / gezeichnet und die Hunde in England. Dark Dogs sind entstanden in einer Stimmung der unterschwelligen Depression und Aggression, die ich in England spürte. Vielleicht im Sinne von Mark Fischer als etwas gesellschaftlich Existentes, vielleicht als etwas Persönliches? Wie ein Unheil. Es war komisch, dass ich mit den Arbeiten zwei Monate bevor das Corona Virus unsere Welt veränderte begann. Das ist aber eher Aberglaube und was die Zeichnungen der Hunde lostritt war wohl eher Brexit, Austerity und eine eigene unglückliche Beziehung als meine seherische Ahnung einer Pandemie.

Die Frightened Cats kamen dazu mit dem Angriff Russlands auf die Ukraine. Es war einfach unerträglich zu beobachten, wie der Hass in unserer Welt anwächst. Joseph Beuys sagte mal wie wichtig es ist eine dünne Haut zu haben als Künstler. Die Idee einer sich fürchtenden Katze tauchte zum ersten Mal im Titel einer Ausstellung 2018 auf. Die Ausstellung hieß Sitting in a hole that has the shape of a frightened Cat und war in der Union Gallery in Hackney in London. In der Ausstellung ging es um unser Verständnis von Raum. Um psychische Räume, virtuelle Räume, Zahlen-Räume, um all die Orte in denen wir uns aufhalten, äußerlich und innerlich.

LK Eine eigene künstlerische Handschrift zu entwickeln heißt auch, dass Hand, Arm und Kopf in einem bestimmten Flow miteinander sind. Wie ist das bei dir? Wie verhält sich deine Hand beim Zeichnen? Wie kommuniziert sie mit dir? Wie lässt sich der Zeichenprozess körperlich und kognitiv bei dir beschreiben?

MV Die verschiedenen Arten des Zeichnens verschränken sich unterschiedlich zwischen Kopf / Hand und Arm. Wenn nur eine einzige Linie entsteht, die über Innen und Außen entscheidet, die eine Form bildet, dann ist jede Biegung ein Impuls für eine Möglichkeit, sowohl für einen Kontext als auch für eine Figur die entstehen könnte. Nach einer Weile werden die Biegungen und Linien determinierter, das Ziel ist gefunden und Vorstellung und Erfindung übernehmen das Zeichnen. Eine Idee oder Beobachtung ist textlich fixiert und die Zeichnung kommt zur Ruhe. Wenn ich zeichne, fühlt es sich an, als wenn die Hand entlangstreicht an einem Körper. Etwas zusammenrauft. Die allererste Linie ist oft eine gebogene Linie, die sich gegen ein Oben biegt und ein Hinterkopf oder eine Schulter oder ein Knie oder eine Wolke wird.

Ganz anders entstehen Frightened Cats and Dark Dogs. Es gibt eine Kopf-Form und einen Körper, der sich im Raum des Blattes oder der Leinwand ausbreitet. Der Bildraum wird besetzt als wenn nichts außerhalb existiert. Zum Körper der Tiere gesellen sich eine Pfütze und ein Mond. Dies sind die Elemente. Dann sträuben sich meine Nackenhaare und ein kleiner Wahnsinn überkommt mich beim Arbeiten. Das Bild soll „too much“ sein. Vibrieren, sich ducken, die Zehen spüren, Angst haben.

Für die großformatigen Arbeiten benutze ich einen Pinsel, der verlängert ist mit einem Besenstiel. Das Ganze kommt einem Tanz gleich. Die Arbeit liegt auf dem Boden und lässt sich eigentlich nicht richtig anschauen. Es gibt Ahnungen und Linien.

zum ganzen Interview: https://www.kunstforum.de/artikel/markus-vater/