Rezension: David Ostrowski bei Sprüth Magers

Kunstforum International, Ausstellungsrezension „So kalt kann es nicht sein“, Band 274

David Ostrowski

„So kalt kann es nicht sein / It can’t be that cold“

Sprüth Magers Berlin

„Da ist die Tür dann erstmal zu“, erklärt David Ostrowski mir, damit ich mir bildlich vorstellen kann, wie es sich anfühlt, eine helle Leinwand zu Anfang grau zu malen. Es ist ernst gemeint, schon fast depressiv wäre das. Ich schaue auf die Werktitel: F (Simply Red), F (Taylor Swift), F (Toni Braxton) oder F (Shania Twain) – und schon scheint das Ostrowski-Rot hinter dem Grau hervorzuleuchten. Zumindest gefühlt, für mich. Dass Werke nach Songtiteln benannt werden, ist geläufiger. Dass aber direkt die Sänger*innen als ganze Person angesprochen werden, ist auffälliger. Geht es um das Lebenswerk, um ALLE Lieder, als Remix, um das Image der Person, oder das Prinzip ‚Toni Braxton‘? Ich gehe von letzterem aus, dann ist das Prinzip Toni Braxton ein graues Bild, von dessen Rändern schwarze Farbe übersteht. Unten links ist eine cremige Malerei, die im Kontrast zum eher trockenen Grau steht. Aus dem Hintergrund scheint sich rechts noch eine Figur abzuheben. Die Atmosphäre des Gestrichenen mit seichten und heftigeren Strömungen wirkt dickhäutig und doch geschmeidig. Da wäre man selbst gerne das Prinzip Braxton. Taylor Swift geht anders, dickflüssiger, plastischer, glänzender. Jetzt versuche ich die Bilder ohne Titel zu sehen. Natürlich sind Ostrowskis Werke keine abstrakten Portraits.

Auf einem anderen scheint eine Wunde zu klaffen. Oder ein Lichtschlitz, der in einen Science-Fiction-Weltraum führt. Man möchte ihn gerne anfassen, so wie man den Reiz verspürt mit dem Finger in eine Wunde zu packen oder die beginnende Krustenbildung wiederholend zu befingern. Das umliegende Grau scheint in Bewegung zu sein. Es lassen sich Spuren von Eingriffen, vom Umrühren, von Vibrationen ausmachen, die der Schlitz oder die Wunde verursacht hat. Das Gewebe drum herum ist nicht verschont geblieben. Die grauen Bilder bestehen aus vielen Schichten, mal scheinen sie durch, mal ist die oberste am präsentesten. Da geht die Tür dann langsam wieder auf, Ebene für Ebene.

Im Pressetext der Galerie wird die Befragung des Nullpunktes thematisiert. Das nicht angemischte, sondern gekaufte Baumarkt-Grau, das „Neutral-Grau“ trage dazu bei, genau so wie die scheinbare Leere und die Selbstentleerung. Für einen Nullpunkt passiert mir hier auf dem Prinzip Toni Braxton, auf dem Prinzip Michael Bublé (die Arbeit mit dem Schlitz) und allen anderen aber noch zu viel. Vielleicht versuchte Ostrowski seinen persönlichen, ästhetischen Nullpunkt nach seinen weißen, schwarzen, roten und eulenartigen Werkserien zu suchen? Eine Annährung an einen Nullpunkt hatte er aber bereits deutlich radikaler festgehalten. Man erinnere sich an weiße Bilder, auf denen sich lediglich eine wackelige, blaue Sprühlinie im weißen Raum festhielt. Dagegen wirken diese grauen Kleinformate regelrecht überfüllt. Im Gegensatz zu seinen früheren Werken sind sie extrem dicht und vielfach geschichtet. Aber genau das könnte in der Ostrowski-Logik sein ganz persönlicher Nullpunkt sein. Vielleicht sind sie deswegen auch kleiner. Dadurch, aber auch durch die Dichte wirken sie plötzlich intim. Ostrowskis Arbeiten standen bisher für eine unglaublich freche Coolness. Dreist waren sie, witzig, aber eben auch radikal frei und malerisch. Jetzt entdeckt man eine andere Seite von ihm.

Diese Werkserie wirkt untypisch. Einzelne Elemente, wie die schwarzen Sprüh-Striche verraten Ostrowskis Ästhetik aber dann doch wieder. Zum Beispiel auf F (Chris Isaak). Drei Linien ließen sich von geschmolzenem Grau nicht buffen. Es fühlt sich beruhigend an, diese zu entdecken. Übrigens schüttelt er die Dosen nicht. Im Graffiti wird gerade durch das Schütteln die Farbe so vorbereitet, dass sie einen gleichmäßigen, farbintensiven Strich erzeugt – das Gegenteil von Ostrowskis Interesse an der Dose. Auch die Hängung sieht ihm ähnlich. Eine Reihe von Bildern schwebt im Raum, von der Decke hängen sie an Fäden herab. Dadurch werden sie noch mehr zum Gegenüber, vielleicht sind es doch Portraits, aber ohne Portraitierte. Radikal ist diese Werkgruppe trotzdem, weil sie eben überraschend „zu“ sind. Der Mut ist geblieben. Nicht alle vorgefestigten Erwartungen erfüllt David Ostrowski bei seiner ersten Einzelausstellung bei Sprüth Magers in den Berliner Räumlichkeiten.

Die Arbeit F (Faith Hill) wirkt fast schon verbrannt. Sie scheint viel mitgemacht zu haben. (F) John Mayer ist hingegen sehr leicht, eigentlich schon verspielt. (F) Symply Red fällt auf, fast figürlich, aber auf jeden Fall gestisch heftig für Ostrowski. Die Arbeit wirkt sehr viel spontaner, bewegter, die Tür wird mit treffsicheren Gesten aufgestoßen – im Raum ein guter Bruch.

Shania Twain ist nicht ausgestellt, aber Teil der Werkgruppe und wahrscheinlich liegt sie in einem Hinterraum von Sprüth Magers bereit. Ich sehe sie im Pressematerial. Besser könnte man ein Lila kaum behandeln. Das Grau zieht auf, ein helles Braun macht den Anfang, die Nicht-Figur ‚Lila‘ stellt sich daraufhin mit all ihrer Tiefe und ihren Höhen und allem, was dort gerade simultan passiert – und das ist eine Menge – in den Raum. Elegant und aufdringlich. Schade, dass sie nicht bei den anderen Bildern hängt, aber wahrscheinlich wäre sie zu dominant.

Im Nachhinein frage ich mich, ob Ostrowski in So kalt kann es nicht sein statt grauen, nicht eher unscharfe Bilder gezeigt hat. Für mich ist es auch ein Experiment mit der unscharfen Malerei, mit den verschwimmenden Zeichen, den verschwimmenden Ostrowski-Zeichen und der Spannung, die letzten Endes doch alles zusammenhält. Auflösung durch Verdichtung.

Ich würde jetzt gerne noch einmal eine vorherige Arbeit sehen, eine weiße mit einem weißen Raum, in den man direkt hineinfällt. Vielleicht nicht nebeneinander, aber in einer angrenzenden Etage. Für mich gehören sie alle zusammen, in der grauen Serie hat er übermalt, überfüllt, aufgeweicht und verdickt, einzelne Brüche eingefügt und trotzdem handeln seine neuesten Arbeiten genauso wie andere von der Freiheit, die der Minimalismus eröffnet, vom Angriff auf die Subjektivität und von der klugen Lust an malerischen Entscheidungen.  

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