Interview Katharina Grosse

Living Deluxe Magazin /

Für das Magazin führte ich ein Interview mit Katharina Grosse. Hier ein Auszug:

Die in Berlin und Neuseeland lebende Künstlerin zählt zu den außergewöhnlichen Stimmen, die die Malereigeschichte entschieden beeinflussten und in neue Richtungen gelenkt haben. Ihre Installationen in der Hamburger Bahnhofshalle, im Park des MoMA PS1 in New York oder zuletzt in der Wiener Albertina, ermöglichen eine völlig neue und sinnliche Erfahrung mit Farbe, Raum und Unabhängigkeit.

Im Gespräch mit LIVING deluxe spricht Katharina Grosse über die Frage, die sie sich jeden Tag stellt: Wie kann ein gemaltes Bild in unserer Welt erscheinen? Und wie können so gegensätzliche Systeme wie Architektur und Malerei aufeinandertreffen und Energie erzeugen?

LK: Eine Ihrer ersten Arbeiten, die die Leinwand verließ, ist die „grüne Ecke“, die Sie 1998 in der Kunsthalle Bern realisierten. Ein Meilenstein in der Malereigeschichte. Wie kam Sie auf die Idee?

KG: Beim ersten Besuch fiel mein Blick sofort in die rechte obere Ecke am Ende des Raumes.  Links gegenüber waren große Fenster mit Bäumen davor, wodurch ein grünes Licht entstand. Ich hatte sofort den Wunsch, in diese Ecke oben ein Bild zu malen, dass im Volumen des Raumes zu hängen schien anstatt an der Wand.

Da war auch meine Sehnsucht, eine Art Unabhängigkeit und Freiheit von meiner körperlichen Enge zu bekommen und das hat mich zur Lackierpistole geführt. Mit diesem Werkzeug kann ich mich leichtfüssig über alle möglichen Texturen und Welten hinwegbewegen, und schnell und ohne Unterbrechung malen.

LK: Auch ein Schlafzimmer mit Bett und Umzugskisten haben Sie durch Sprühfarbe in eine dreidimensionale Malerei verwandelt. (Das Bett, 2004)

KG:vZu diesem Zeitpunkt war ich auf der Suche nach einer großen Veränderung für meine Arbeit und mein Leben. Ich wollte etwas machen nur für mich, ohne Institution, ohne Publikum, ohne Atelier, etwas im Zentrum meiner Bedürfnisse. So habe ich mein Schlafzimmer übermalt.

Ich habe alle Objektgrenzen mit Farbe überschritten.

Was wäre, wenn für uns die Objektgrenzen nicht so bindend wären? Wenn Objekte also durch den ständigen Wechsel der Perspektive neu definiert werden könnten, neu materialisiert werden könnten? Würden wir dann nicht auch unseren Lieblingen anders begegnen, unseren Nachbarn oder der Gemeinschaft?

LK: Mit den Wandgemälden in den Höhlen fängt auch unsere Kunstgeschichte an, und bis heute schaffen Künstler regelmäßig große Bilder auf Wänden. Ihre Arbeiten sprengen aber auch dieses Format. Definieren Sie Raum noch einmal ganz neu?

Imagination ist ein körperliches Vermögen. Das gemalte Bild im Raum ist haptisch, vielschichtig, ein Zeit-cluster und stimuliert alle Körperintelligenz. Körperintelligenz ist alles.

Das haptische Bild ruft Empathie hervor wie kein anderes Bild mit homogener Oberfläche.

Mit meiner Malerei möchte ich Emotionen komprimieren und heftige Erschütterung auslösen. Ich will, dass wir uns positiv oder negativ so gestört fühlen, dass wir etwas ändern wollen. Und zwar am liebsten sofort und immer wieder. So kann radikale Empathie entstehen.