Zeichne! Themenband Kunstforum International

2026 /

Das Zeichnen „ist ein Alltagswerkzeug – ein Ins
trument fürs Leben“, schreibt der Künstler und
Hochschullehrer Yadegar Asisi und plädiert da
für, das Zeichnen wieder genauso wie das Lesen,
Schreiben und Rechnen als Kulturtechnik fest in
unseren Alltag zu integrieren.
„Wir sollten weniger sprechen und mehr
zeichnen“ appellierte schon Johann Wolfgang von
Goethe. Und der Schriftsteller Henri Michaux
rief aus: „Ich habe genug von der Dichtung!“ So
erinnerte sich zumindest der Künstler Brassaï an
Michaux‘ prägenden Lebenswandel. Dieser wech
selte nämlich zur bildenden Kunst, bevorzugt zur
Zeichnung: „Wenn es mir wichtig ist, eher mit
Strichen als mit Wörtern vorzugehen, so geschieht
dies stets, um in Beziehung mit dem zu treten, was
ich an Kostbarstem, an Wahrstem, an Innerstem,
an ‚Meinstem‘ habe […]“ beharrte Michaux. Die
Zeichnung brachte ihm mehr als das Wort und
sie führte ihn näher zu sich selbst. Somit begann
der Quereinsteiger ein beachtliches Lebenswerk
als Zeichner und Maler anzugehen. Andernorts,
auf dem Feld der politischen, sozialen Kunst,
stellte Joseph Beuys fest, dass das Zeichnen sein
Denken verändert habe. „Nicht war das Zeichnen
sein Beruf, sondern das Unterwerfen der Gedan
ken unter das Maß des mit menschlichen Sinnen
Vollziehbaren.“ Gerhard Richter sagte jüngst:
„Ich male nicht mehr.“ Dafür widme sich der
teuerste lebende Künstler und Malerstar jetzt der
Zeichnung und habe dabei Spaß.
Auch der geschichtsträchtige, neoklassische Ma
ler Jean-Auguste-Dominique Ingres gab den jünge
ren Künstlern, die ihn aufsuchten, den Rat: „Zeich
nen Sie Linien, junger Mann, und dann noch mehr
Linien, sowohl vor Ort als auch aus dem Gedächt
nis, und Sie werden ein guter Künstler werden.“
Dieser junge Mann, zu dem Ingres sprach, war Ed
gar Degas, der zu einem erfolgreichen, disziplinier
ten Zeichner und Maler werden würde.
Die Zeichnung zählt zu den ältesten visuellen
Kulturerzeugnissen des Menschen, mehr noch,
das „gezeichnete Bild ist das erste uns bekannte
Mittel, mit dem Menschen Ideen fixiert haben.“
Ob mit einem Stock, oder einem Fuß in den Sand
gemalt, ob mit Händen in den Höhlen, ob an Wän
den oder auf Tonscheiben im Alten Ägypten, als
gekratztes Graffiti in Fassaden des alten Roms
oder schließlich als visuelles Reise- und For
schungsmedium eines Alexander von Humboldt
(schließlich gab es noch keine Fotografie) – die
Zeichnung begleitete die Menschheitsgeschichte
in allen Epochen. Dabei war und ist die Zeichnung
nicht nur ein wichtiges Mittel der Kultur, sondern
auch der Wissenschaft: Naturforschung oder me
dizinische Errungenschaften wie das Wissen über
Anatomie und Operationen wurden so weitergege
ben. Sie war ein Werkzeug des Nachdenkens, des
Erfindens und des lösungsorientierten Grübelns.
„Zeichnen ist die Kunst, Striche spazieren zu
führen“ schwärmte Paul Klee.11 Die Zeichnung
kann so viel, Kinder wissen es intuitiv, viele Er
wachsene haben es leider vergessen. Das soll die
ser Themenband ändern.

Zum Themenband: https://www.kunstforum.de/band/2026-308-zeichne/