Kunstforum International / Zeichne! /
LK Was ist wichtig beim Zeichenprozess? Was hat man noch unter Kontrolle, was entsteht spontan? In welchem Zustand befindest du dich selbst?
NF Das ist ein Zustand von Spannung, der vor allem bei dem bleibt, was ich m a c h e n will, und dabei aus dem Blick verlieren will, wohin das im Ergebnis führt. Die Bilder sind nie vom Resultat her gedacht. Es sind im Vorfeld – auf Grundlage von in vorherigen Experimenten geklärten Parametern – ganz klar vorbereitete Settings, wie beispielsweise die Anzahl der Kugelschreiber, die Auswahl und Wichtung der einzelnen Farben oder das Blattformat und Papierbeschaffenheit. Das ist gesetzt und bereitgestellt. Und das Thema natürlich, das also, worum es mir geht in der jeweiligen Arbeit. Ich selbst spreche von Phänomenen. Da es oftmals strukturelle, gesellschaftliche Beobachtungen sind, die meist immateriell sind und in der Übertragung in ein auf den ersten Blick zweidimensionales Medium, zeichnerischer Neufindungen bedürfen, um sie in dieses zu überführen. Das ist bei den Multitudes die Idee, ein komplexes Modell einer offenen Gesellschaft bzw. deren Diskurspraxis darzustellen: das offene, freie Sprechen und das öffentliche sich Äußern, als etwas, was stattfindet und auch etwas bewirkt. Und zwar so, dass einerseits die faszinierende Schönheit eines so dichten, auch widersprüchlichen Durcheinanders nachvollziehbar wird, zum anderen aber auch das Moment von Überforderung und Uneindeutigkeit sich anwesend zeigt. Die Frage nach der Wirkmacht bzw. der Teilhabe des Einzelnen und der Vielen und dem Widerstreit, der Vielheit dem gegenüber.
Das treibt mich also an beim Zeichnen und leitet mich, wenn ich auf die entstehenden Strukturen und Spuren auf dem Blatt reagiere. Ich schaue mir dabei stets selber über die Schulter, wohin das führt, wohin ich es jetzt lenke, was ich jetzt noch machen kann, um zu etwas ungeplantem aber Stimmigem zu kommen. Bis dann der Moment kommt, wo ich diesen performativen Prozess abbreche, und das bis dahin Erreichte als Zustand stehen lasse. Immer mit dem Anspruch, es nicht so abzuschließen, dass es statisch wird. Alle meine Arbeiten sind nach hinten hin offen, um die Betrachter*innen dort hineinzuziehen, wo sie selber emotional in dieses Offene eintreten und teilnehmen an einer Interaktion, die sich konstruktiv nach vorne, in die Zukunft wendet.
zum ganzen Interview: https://www.kunstforum.de/artikel/nadine-fecht-2/